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Mittwoch, 13. April 2011

Wer trotz allem brav sein will


Später heißt es dann: "Leg' doch mal das Buch weg."

Merke: Auch mit Bravsein kann man es nicht Allen recht machen...

Ein cooler Post

von einem Blog den ich gerne lese: Depression ist die Belohnung der Braven. Auch der Rat ist gut. Wider das Bravsein!

Montag, 11. April 2011

Adipositas ist keine Ess-Störung


 Am Wochenende war ich bei einer Fortbildung zum Thema Ess-Störungen. "Toll", dachte ich mir am Freitag, "da wirst Du eine Menge interessanter Dinge lernen. Das wird Dir in Deinem Berufsalltag sicher helfen." Ich stellte mir so etwas vor wie einen kurzen Vortrag zu den verschiedenen Ess-Störungsbildern, gefolgt von Übungsblöcken, in denen wir Behandlungstechniken erproben würden. Ich machte mich frohen Mutes zum Schulungsort auf, bereit, die Hälfte meines Wochenendes zu opfern...

Und wurde mit einer siebenstündigen Präsentation zum Thema Magersucht "beglückt". Praxisrelevanz? Nun ja, es gab ein paar Sätze zur Therapie von Bulimie, die, wie die Vortragende versicherte, auch auf die Behandlung schwer Übergewichtiger anwendbar seien. Vorausgesetzt, sie hätten eine Ess-Störung. 

"Was soll das heißen?" fragte ich. "Ist Adipositas denn keine Ess-Störung?" 
"Nein," versicherte sie mir. "Bei Adipositas gibt es einen so starken genetischen Faktor und sie wird vor allem durch übermäßige Nahrungszufuhr verursacht. Wenn die Betroffenen nicht gerade unter Binge Eating leiden...". 
Auf deutsch: Stark Übergewichtige sind stark übergewichtig, weil auch ihre Blutsverwandten stark übergewichtig sind. Außerdem essen sie zu viel. So lange sie das gleichmäßig machen und nicht anfallsweise, sind sie ein Fall für den Doktor. Der verschreibt ihnen Lipidsenker, eine Magenverkleinerung oder einen Besuch beim Schönheitschirurgen. Wenn sie telegen sind, können sie außerdem einen Auftritt in einer Abnehm-Reality Show gewinnen. Aber eine Psychotherapie ist nicht drin.

Cool.
Wenn einige wenige Mittelstandskinder sich zu Tode hungern wollen, kriegen sie vom Steuerzahler zusätzlich zu einer umfassenden medizinischen Behandlung auch einen Psychotherapeuten spendiert. Wenn viele weniger Privilegierte von Stress, Billigfraß und weil sie nach einem harten Arbeitstag kaum mehr die Energie (und oft auch nicht die Mittel) haben, sich noch etwas anderes Gutes zu tun, als zu essen, Übergewicht bekommen, setzt es vor allem Medikamente und Moralpredigten. Der Psycho darf's dann richten, wenn Arbeitsunfähigkeit droht...

Freitag, 8. April 2011

Früher war alles besser



Kommt es nur mir so vor oder dauert die Kindheit tatsächlich immer länger? Es ist noch gar nicht so lange her, dass 16jährige mit Realschulabschluss eine Lehre anfingen und damit ganz selbstverständlich ihr Erwachsenenleben begann. Mit dem selbst verdienten Geld eroberten sie sich zunehmend mehr Unabhängigkeit von der Bevormundung durch die Eltern: Ein eigenes Moped oder Auto wurde angeschafft; es wurden Dinge gekauft, ohne Mama oder Papa zu fragen und damit, um 10 Uhr zu Hause oder gar im Bett zu sein, war auch Schluss. Von da an war der Weg zu einer eigenen Wohnung und einem selbstverantwortlichen Leben nicht mehr weit. Und die meisten - so schien es mir zumindest damals - konnten es kaum erwarten.

Letzte Woche erzählte mir Jemand von seinem Bruder, der mit mittlerweile Anfang 20 immer noch mit seiner Berufs- und Identitätsfindung beschäftigt ist. Seit seinem Realschulabschluss sind mittlerweile 6 Jahre sowie mehrere Weiterbildungen und Praktika vergangen. Den "richtigen" Beruf hat er dabei nicht gefunden, bis jetzt weiß er lediglich, was er nicht will. In der Zwischenzeit läuft die Uhr weiter und seine Familie fängt an, sich Sorgen über seine Zukunft zu machen. Er selbst sieht das Ganze eher gelassen. Als nächstes will er "was Handwerkliches probieren". Aber nicht gleich. Im Moment ist er verliebt und das nimmt seine ganze Energie in Anspruch. Für alles übrige sorgen ja Mama und Papa...

Mit dieser kindlichen Haltung ist er kein Einzelfall. Mir kommen auch Studienabsolventen Ende 20/Anfang 30 harmonie- und sicherheitsbedürftiger vor als noch vor einigen Jahren. Statt sich zielsicher - wie man es von künftigen "Leistungsträgern" erwartet - an Karriere und Geldverdienen zu machen, widmen Viele sich vor allem der Bildung von Kuschelgruppen. Erst wenn man eine "Glücksgruppe" habe, heißt es, könne man sich wohl fühlen. Nur dort könne man sich öffnen, sich zeigen wie man wirklich sei. Bezüglich aller übrigen Menschen klagt man zwar gern über einen Mangel an Offenheit und Kooperationsbereitschaft, aber eine eigene Verantwortung sieht man dabei nicht. Das Problem liege "selbstverständlich" bei den Anderen, ebenso wenig wie die Lösung. Die müssten erst einmal in Vorleistung gehen, sozusagen beweisen, dass sie würdig seien...  
Mir kommt das alles ziemlich albern vor.


Und eigentlich ohne es zu wollen ertappe ich mit bei dem Gedanken, einem Gedanken, von dem ich nie glaubte, dass ich ihn haben würde, den ich nicht haben will, den ich auch nicht richtig finde, aber: Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass früher alles besser war.

Mittwoch, 12. März 2008

Das Märchen vom Penisneid

Das Märchen vom Penisneid der Frauen ist eine Gutenachtgeschichte, die von Papa Freud – dem Erfinder der Psychoanalyse – geschaffen wurde. Es ist zwar schon über hundert Jahre alt, wird aber immer wieder gern erzählt. Die Geschichte geht ungefähr so:

Ein kleines Mädchen wird geboren, und ist in den ersten Jahren mit sich und seinem Körper völlig zufrieden. Dann, eines Tages, sieht es einen Penis (lassen wir mal die Frage beiseite, warum jemand einem kleinen Mädchen seinen Penis zeigt...). Fasziniert und überzeugt davon, dass man so etwas unbedingt brauche, geht das Mädchen zunächst davon aus, dass es auch einen Penis hat. Dann aber untersucht es seinen eigenen Körper – und stellt zu seinem Schrecken fest, dass ihm der Penis fehlt. Es ist sozusagen kastriert! Von Neid zerfressen strebt das Mädchen von da an mit allen Mitteln danach, auch einen Penis zu kriegen: Es versucht Papi (oder einen anderen Mann) zu verführen, um an dessen Penis heran zu kommen. Es versucht, sich als Junge durchzumogeln. Oder es wünscht sich einen Sohn, mit dem es sozusagen den Penis, den es nicht hat, hervor bringen kann.

So weit Papa Freud. Und all die, die dieses Märchen immer wieder aufbrezeln.

Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, das ich einen Penis gesehen habe. Das war der meines kleinen Bruders, und ich war alles andere als beeindruckt. Ich weiß noch, dass ich ihn mir ziemlich genau ansah, weil meine Eltern so ein Gewese darum machten (mein Bruder hatte eine Phimose). Aber ich fand nichts besonderes an diesem Hautröhrchen und wollte dergleichen auch nicht haben. Eben so wenig fühlte ich mich kastriert. Mein Körper gefiel mir auch weiter ganz gut, wie er war. Von Neid auf einen Penis also keine Spur.

Das heißt nicht, dass ich meinen Bruder nicht beneidete. Das tat ich. Aber dabei ging es nicht um seinen Penis. Es ging vielmehr um seinen Status, um die Vorteile, die er ganz selbstverständlich hatte, und das aus keinem anderen Grund als dem, dass er männlichen Geschlechts war. Ob es nun um Spielzeug ging, um Aufmerksamkeit, Freizeit zum Spielen oder Geld für ein Studium: Alles wurde in den den Sohn gesteckt. Der Junge stand immer an erster Stelle. Ich hätte schon eine Heilige sein müssen, um ihn um all das nicht zu beneiden.

Aber ich war schon als Kind nicht so blöd, zu glauben, dass ich mir nur einen Penis „besorgen“ müsste, und dann würde alles gut und ich sozusagen zu einem Jungen ehrenhalber werden. Frauen können keine Männer ehrenhalber werden. Auch wenn sie noch so viele Männer vögeln, sich als „Jungs mit Titten“ auszugeben versuchen oder Söhne gebären: In einer patriarchalischen Gesellschaft ist ihr Verhalten irrelevant. Es zählt einzig ein unveränderliches Merkmal: Das Geschlecht. Davon jedoch – d.h. vom Penis – ist vor allem ein Geschlecht fasziniert: Männer. Oder sind es etwa Frauen, die über Penislängen, -größen, -formen und dergleichen nachdenken, spekulieren, konkurrieren? Die auf der Toilette ihren mit dem des Nebenmannes vergleichen? Und sich wegen des Ergebnisses etwas einbilden oder Komplexe bekommen? Eben. Wer leidet also unter Penisneid? Genau.

Papa Freud hat in seiner Gutenachtgeschichte von Penisneid der Frauen gewissermaßen seine eigenen Gefühle auf Frauen projiziert. Wahrscheinlich hat er sich vorgestellt, wie er sich als kleines Mädchen fühlen würde. Nur hat er sich das aus der Perspektive eines Mannes mit Penisneid und Kastrationsängsten vorzustellen versucht. Kein Wunder, dass er zu dem Ergebnis gekommen ist, Frauen fühlten sich als Frauen kastriert und wünschten sich einen Penis.

Fast noch schlimmer finde ich jedoch, was er als „Folge“ bzw. „Lösung“ dieses projizierten Penisneides darstellt. Dass kleine Mädchen sich Sex mit ihren Vätern und Surrogat-Penisse in Form von Söhnen wünschen sollen, entspricht wohl eher männlichen Wunschvorstellungen als den tatsächlichen Wünschen von Kindern. Hier werden einerseits sexuelle Wunschvorstellungen erwachsener Männer in Mädchen hinein projiziert. Andererseits wird die Tatsache, dass einem Sohn in einer patriarchalischen Gesellschaft ein höherer Wert zugesprochen wird als einer Tochter, in ein angebliches psychologisches Bedürfnis von Frauen um gedeutet. Wirklich schlau.

Dass es mit irgend einem Bestandteil dieses Grusel-Märchens tatsächlich um die Gefühle, Wünsche und (Entwicklungs-) Möglichkeiten von Mädchen geht, würde ich allerdings bezweifeln.