Freitag, 8. April 2011

Früher war alles besser



Kommt es nur mir so vor oder dauert die Kindheit tatsächlich immer länger? Es ist noch gar nicht so lange her, dass 16jährige mit Realschulabschluss eine Lehre anfingen und damit ganz selbstverständlich ihr Erwachsenenleben begann. Mit dem selbst verdienten Geld eroberten sie sich zunehmend mehr Unabhängigkeit von der Bevormundung durch die Eltern: Ein eigenes Moped oder Auto wurde angeschafft; es wurden Dinge gekauft, ohne Mama oder Papa zu fragen und damit, um 10 Uhr zu Hause oder gar im Bett zu sein, war auch Schluss. Von da an war der Weg zu einer eigenen Wohnung und einem selbstverantwortlichen Leben nicht mehr weit. Und die meisten - so schien es mir zumindest damals - konnten es kaum erwarten.

Letzte Woche erzählte mir Jemand von seinem Bruder, der mit mittlerweile Anfang 20 immer noch mit seiner Berufs- und Identitätsfindung beschäftigt ist. Seit seinem Realschulabschluss sind mittlerweile 6 Jahre sowie mehrere Weiterbildungen und Praktika vergangen. Den "richtigen" Beruf hat er dabei nicht gefunden, bis jetzt weiß er lediglich, was er nicht will. In der Zwischenzeit läuft die Uhr weiter und seine Familie fängt an, sich Sorgen über seine Zukunft zu machen. Er selbst sieht das Ganze eher gelassen. Als nächstes will er "was Handwerkliches probieren". Aber nicht gleich. Im Moment ist er verliebt und das nimmt seine ganze Energie in Anspruch. Für alles übrige sorgen ja Mama und Papa...

Mit dieser kindlichen Haltung ist er kein Einzelfall. Mir kommen auch Studienabsolventen Ende 20/Anfang 30 harmonie- und sicherheitsbedürftiger vor als noch vor einigen Jahren. Statt sich zielsicher - wie man es von künftigen "Leistungsträgern" erwartet - an Karriere und Geldverdienen zu machen, widmen Viele sich vor allem der Bildung von Kuschelgruppen. Erst wenn man eine "Glücksgruppe" habe, heißt es, könne man sich wohl fühlen. Nur dort könne man sich öffnen, sich zeigen wie man wirklich sei. Bezüglich aller übrigen Menschen klagt man zwar gern über einen Mangel an Offenheit und Kooperationsbereitschaft, aber eine eigene Verantwortung sieht man dabei nicht. Das Problem liege "selbstverständlich" bei den Anderen, ebenso wenig wie die Lösung. Die müssten erst einmal in Vorleistung gehen, sozusagen beweisen, dass sie würdig seien...  
Mir kommt das alles ziemlich albern vor.


Und eigentlich ohne es zu wollen ertappe ich mit bei dem Gedanken, einem Gedanken, von dem ich nie glaubte, dass ich ihn haben würde, den ich nicht haben will, den ich auch nicht richtig finde, aber: Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass früher alles besser war.

Kommentare:

Ray Gratzner hat gesagt…

Liebe Große Vorsitzende,

da kommt für mich auch ein unerfülltes Bedürfnis rüber, die Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Menschen, die Verantwortung übernehmen und selber etwas tun ohne immer von anderen die Lösung für die eigenen Wünsch zu erwarten...

Liebe Grüße Rainer

Die Große Vorsitzende hat gesagt…

... zumindest die Sehnsucht nach Kindern, die mal erwachsen werden und das Hotel PapaMamaAlleAnderen verlassen... :-D

LG