Mein Fazit:
Sonntag, 17. April 2011
Enttäuschend: Helliconia von Brian Aldiss
Mein Fazit:
Samstag, 5. Januar 2008
Kampf der Kulturen - die Legende
Es ist schon erstaunlich, wie manche Redewendungen kleben bleiben. Wie Kaugummi unter der Schuhsohle werden sie überall mit hin geschleppt und tauchen an den seltsamsten Stellen wieder auf. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei diesem Phänomen die zunehmende Verschlagwortung in unserer Art, Informationen zu verarbeiten, bedauern soll1. Oder ob ich – widerwillig - die Berechnung bewundern soll, mit der Demagogen solche Begriffe prägen und verwenden.
Gibt es einen "Kampf der Kulturen"? Wenn man der Frankfurter Allgemeinen Zeitung glauben will, dann waren im Mai 2006 „56 Prozent der Deutschen“ der Auffassung, „die Gesellschaft stehe bereits jetzt in einer solchen Auseinandersetzung“2
Aber was ist diese Aussage wert? Die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angegebene Zahl soll zwar aus einer Befragung durch das „Institut für Demoskopie Allensbach“ stammen. Frei verfügbare Berichte über diese Studie liegen aber nur von Journalisten vor – die mit statistischen Daten oft recht großzügig umgehen, besonders was die Interpretation betrifft. Um an die Original-Studie heran zu kommen, ohne die sinnvolle Aussagen über Erhebungsverfahren und Ergebnisse nicht möglich sind, müsste man den Allensbachern erst einmal 22 Euro zahlen3. Man merkt: Die wissen, wie man Geld macht.
Wir haben hier also eine Zahl aus einer Studie, die nicht frei eingesehen werden kann. Berichtet wird darüber auf den Internet-Seiten von Sendern und Zeitungen; also im Regelfall nicht gerade von Zahlenexperten. Eine dieser Zeitungen – die Frankfurter Allgemeine Zeitung – war zudem der Auftraggeber der Studie. Das „Institut für Demoskopie Allensbach“ hat die Befragung also nicht „nur so“, aus Forschungsinteresse, durchgeführt, sondern als Auftragnehmer der FAZ.
Selbst wenn ich bereit wäre, zu glauben, dass ein Auftragsforschungsinstitut wissenschaftliche Objektivität über das Interesse an weiteren Aufträgen stellt – sprich: es riskieren würde, einen Auftraggeber durch womöglich unliebsame Ergebnisse zu verärgern – (und das weiß ich besser), würde ich die entsprechenden Studien mit Vorsicht betrachten. Besonders, wenn der Auftraggeber darüber berichtet.
Und: Keinesfalls würde ich Zahlen als Ergebnisse des – immerhin renommierten – Forschungsinstituts präsentieren und dann auf die Internetseite eines Senders verweisen, von wo aus dann wiederum (ohne Link) auf die Studie als Quelle verwiesen wird4, liebe Wikipedia.
Aber davon einmal abgesehen: Was besagt so eine Zahl? Zunächst einmal nur, dass 56% einer im Mai 2006 befragten Gruppe von Leuten einer bestimmten Aussage zugestimmt hat. Betrachten wir das mal als Meinung. Nun sind Meinungen nicht wie die Augenfarbe. Die Augenfarbe ist ein relativ unveränderliches Merkmal. Meinungen hingegen ändern sich ständig. Wenn also im Mai 2006 56% einer Gruppe von Leuten einer Aussage zugestimmt haben, sagt das nichts über ihre Meinung im Juni, Juli oder August aus5. Bei Licht betrachtet, habe ich mit dieser Zahl also nur eine Momentaufnahme. Nicht sehr beeindruckend.
Beeindruckend ist vielmehr, wie Zahlen von Medien benutzt werden, um einen Konflikt zu konstruieren – und zwar nicht nur der „Kulturen“ im Sinne von Huntington, sondern auch einen sozialen Konflikt hier bei uns. Ist es wirklich nötig, über den Umweg von Umfrageergebnissen Überlegungen anzustellen, ob man die Religionsausübung von Muslimen in Deutschland einschränken sollte?6 Wem ist damit gedient? Das Zusammenleben verschiedener religiöser Gruppierungen ist sicherlich nicht immer konfliktfrei. Wer wüsste das besser als die Bewohner Mitteleuropas, wo während des 30jährigen Krieges ein großer Teil der Bevölkerung ausgerottet wurde. Oder die Bewohner Deutschlands, von wo aus Mitte des 20. Jahrhunderts eine religiöse Minorität beinahe ausgerottet worden wäre.
Die Frage ist, ob wir noch einmal in diese Richtung wollen.
1 Tatsächlich ist dieses Phänomen genau so neu und unbekannt wie Propaganda; man kann also darüber streiten, ob hier tatsächlich etwas zunimmt oder ob Schlagworte „nur“ etwas bereits Bestehendes ökonomischer machen.
2 FAZ
3 Allensbach
4 Wikipedia
5 Fairerweise sollte ich erwähnen, dass auch die FAZ auf derartige Variationen eingeht
6 FAZ
Freitag, 4. Januar 2008
Imperialistisches Märchen
Es war einmal eine Königin, die hatte von ihrem Vater einen großen Namen und ein großes Reich geerbt. Ihr Vater, der alte König, hatte zwar in seinem Leben nicht alles erreicht, was er sich als junger Prinz erträumt hatte. Aber es war ihm gelungen, mit seinen Freunden fremde Besatzer aus seinem Land zu vertreiben und es von wirtschaftlicher und politischer Neubesetzung frei zu halten. Das war um so bemerkenswerter, als die Welt seiner Zeit von dem Konflikt zweier Ideologien, dem „Kalten Krieg“, geprägt wurde. Nur wenige Herrscher verstanden es wie der alte König, mit Herrschern beider Ideologien Freundschaft zu halten, ohne sich in deren Konflikt hinein ziehen zu lassen.
All dies erbte nun seine Tochter, die Königin – und einen Haufen Probleme. Denn zu den Träumen, die ihr Vater nicht hatte realisieren können, gehörte eine gerechte Verteilung des Reichtums im Land, und als es in einem Jahr eine Dürre gab, drohte den Bauern zweier Provinzen der Hungertod. Die junge Königin beschloss, dass ihr Land ausländische Hilfe brauchte, ausländische Investitionen. Sie machte sich daher auf, das Imperium am Ende der Welt zu besuchen. Sie wollte den dortigen Herrscher um Hilfe bitten.
Das Imperium am Ende der Welt hatte zu jener Zeit von einen Herrscher namens Johnson. Dieser war kein besonders fähiger Herrscher und sein noch junges Reich wurde nur von dem Nimbus seines Regierungssitzes, der Reichsfahne und dem „Kalten Krieg“ zusammen gehalten. Aber er wusste, wann er am längeren Hebel saß. Und so versprach er der Königin zwar Weizen und andere Hilfeleistungen - presste ihr aber als Gegenleistung zahlreiche Zugeständnisse ab. Vor allen Dingen verlangte er von ihr, dass sie die Wirtschaft ihres Reiches für Firmen seines Landes öffnen solle. Darüber hinaus wollte er, dass sie den Krieg, den sein Reich gerade gegen einen Zwergstaat im Osten führte, unterstützte. Die Königin lächelte mit ihm zusammen in die Kameras – und sagte zu.
Als sie aber in ihr Reich zurück gekehrt war, machten ihr ihre Berater schwere Vorwürfe. Sie hätte die Wirtschaft ihres Land erneut den Fremden ausgeliefert, sagten sie. Sie sei von der Neutralitäts-Politik ihres Vaters abgerückt, indem sie den Krieg des Imperiums gegen den Zwergstaat im Osten nicht rügte, sagten sie. Die Königin war verletzt und versuchte zunächst, ihr Handeln zu verteidigen. Aber sie war noch nicht so lange Königin, dass sie glaubte, unfehlbar zu sein. So ließ sie sich schließlich überzeugen; und als sie auf Besuch in einem benachbarten Großreich war, unterzeichnete sie zusammen mit dem dortigen König eine Verurteilung des Krieges gegen den Zwergstaat im Osten.
Der Herrscher des Imperiums am Ende der Welt war darüber sehr erbost. Obwohl sein Botschafter im Reich der Königin ihm abriet, gab er gleich den Auftrag, die Hilfslieferungen zu drosseln. Dies aber bestätigte die Berater der Königin nur in dem, was sie bereits vermutet hatten: Dass das Imperium am Ende der Welt nur dann Hilfe gewährt, wenn es dafür viel mehr bekommt.
Der Botschafter des Imperiums aber sollte das sozusagen aus erster Hand erfahren. Als er einen hohen Imperiums-Beamten darauf hinwies, dass die Königin in ihrer Verurteilung des Krieges nur das wiederholt hatte, was bereits der oberste Guru in Rom sowie der Sprecher der Völkergemeinschaft erklärt hatten, antwortete man ihm zynisch, dass der Guru und der Sprecher schließlich „unseren Weizen nicht brauchen“.
Quelle des Sachverhalts: Die Nehrus und die Gandhis. Eine indische Dynastie
P.S. Die Königin ist nicht zurück gerudert.
Dienstag, 1. Januar 2008
Klabusterbärchen Clash of the Cultures
Manche 'Konflikte neigen dazu, partikularistisch insofern zu sein, da es in ihnen nicht um übergreifende ideologische oder politische Streitfragen geht, die für Nichtbeteiligte von direktem Interesse wären.' Sie werden vielmehr 'um fundamentale Fragen der Gruppenidentität und Gruppenmacht geführt'.
Das heißt, eine Gruppe von Personen - wie die Redakteure des Online „Satire“-Magazins „Klabusterbeere“ - verteidigt ihre Identität als Gruppe und/oder die Macht, die sie einfach durch ihre Anzahl gegen Einzelne ausüben kann gegen „Angriffe“ von außen. Art und Ausmaß des „Angriffs“ sind dabei ohne Bedeutung; es reicht, wenn der „Angreifer“ erkennen lässt, dass er mit der Gruppe nicht übereinstimmt. Eine solche Äußerung kann nicht als Meinung akzeptiert und behandelt werden, die Gruppe fasst sie vielmehr direkt als Attacke auf die Gruppenidentität bzw. -macht auf.
Darum werden auch 'die ursprünglichen Streitfragen im Sinne eines „Wir gegen sie“ umdefiniert': Auf diese Weise wird die Wahrnehmung der Gruppe, angegriffen zu werden, in eine griffige Formel umgesetzt. Gleichzeitig kann man auf diese Weise gruppeninterne Zweifel und Konflikte nach außen, auf den „Feind“, ableiten: 'Zusammenhalt und Engagement der Gruppe nehmen zu'. Der „Feind“ dient gleichermaßen als Ursache für die Fokussierung der Gruppenidentität wie als Ableitungsziel der – auch gruppeninternen – Aggression.
'Weil fundamentale Fragen der Identität auf dem Spiel stehen', neigen diese Konflikte 'dazu, brutal und blutig zu sein [...] Auch neigen sie dazu, langwierig zu sein'. Es sind 'Wechselbäder; ein Ausbruch massiver fäkalsprachlicher Gewalttätigkeit kann zu [...] mürrischer Feindseligkeit verflackern, nur um danach erneut wieder aufzuflammen.' Das macht 'es schwer, sie durch Verhandlungen und Kompromisse beizulegen'. Verhandlungen und Kompromisse setzen voraus, dass man sich mit der Position des Anderen auseinander setzt. Davon kann nicht die Rede sein, wenn die „um ihre Identität kämpfende“ Gruppe den „Feind“ abwechselnd beschimpft und sich auf ihre „Freiheit“ beruft. Vielmehr wird durch diese Jigsaw-Technik eine Auseinandersetzung gerade vermieden; die Gruppe will sich nicht auseinander setzen. Es geht nur darum, zu gewinnen, egal wie.
Denn es geht um 'Kontrolle über Menschen': Die der Redaktions-Gruppe wie die des „Klabusterbeere“-Forums. Und das ist es doch wert, 'den Unterschied zwischen den Mächten des Bösen und den Mächten des Guten' (wobei letztere aus Sicht der „Klabusterbeere“-Redaktion mit ihrer Gruppe identisch sind) zu vergrößern und dramatisieren – bis zu dem Punkt, an dem man 'aus diesem Unterschied den definitiven Unterschied zwischen den Lebendigen und den Toten zu machen' droht, oder?
Für mich ist das Ausmaß an Kreativität erstaunlich, das die „Klabusterbeere“-Redaktion darauf verschwendet, unter verschiedenen erfundenen Namen Kommentare zu schreiben und von diversen Webseiten aus Links auf die Site meines Freundes Ray zu legen. Was wohl wäre, wenn sie diese Kreativität auf Sinnvolleres verwenden würden? Womöglich wäre die „Klabusterbeere“ dann das, was sie der Behauptung ihrer Redaktion nach sein soll: Komisch.
Ach ja, alle mit einfachen Anführungszeichen (') gekennzeichneten Zitate stammen übrigens aus diesem Buch, S. 410-455. Es ist ein lausiges Buch; aber dazu später mehr. Sämtliche Auslassungen, die kursiv gesetzte Einfügung sowie der übrige Text von mir.
Freitag, 21. Dezember 2007
Attentat in Pakistan
Statt dessen werden wir gleich doppelt darüber informiert, dass der Anschlag dem ehemaligen pakistanischen Innenminister Aftab Ahmed Sherpao gegolten habe. Nur kurz wird erwähnt, er sei während seiner Amtszeit „mit Sicherheitskräften auch gegen Extremisten in den Grenzprovinzen zu Afghanistan vorgegangen“1 Ebenfalls nur kurz erwähnt wird, dass „In Pakistan [...] seit dem Sommer die Gewalt“ zunimmt1. Wer wissen will, warum, muss sich schon selbst bemühen.
Im Sommer wurde die Rote Moschee in der pakistanischen Stadt Islamabad von der Armee gestürmt. Dabei kam der Geistliche der Moschee und eine unbekannte Anzahl Menschen ums Leben3. Wie seit dem 11. September üblich, wurde die Aktion als Vorgehen gegen „Islamisten“ und „Terroristen“ erklärt. Was ein Massaker dabei helfen soll, blieb unerklärt.
Das Ziel des aktuellen Attentats, Aftab Ahmad Khan Sherpao4, war zur Zeit der Erstürmung der Roten Moschee Innenminister. Er scheint sich in dieser Funktion nicht beliebt gemacht zu haben, denn es hatte schon vor der Aktion wenigstens ein gegen ihn gerichtetes Attentat gegeben. Aber auch hier lohnt es sich, noch andere Quellen heran zu ziehen, als die Berichterstattung in der Presse.
1998 veröffentlichte der schottische Schriftsteller William Dalrymple ein Buch mit Artikeln über seine Reisen auf dem indischen Subkontinent. Das Buch hat den Titel „The Age of Kali“ und ist äußerst lesenswert. Nicht nur, aber auch, weil es einige Artikel über Pakistan enthält.
Dalrymple zufolge hat Politik in Pakistan in mancherlei Hinsicht mehr Ähnlichkeit mit Bandenkriegen als mit „Demokratie“. Gewalt und Korruption sind Teil des Systems – ebenso wie Attentate auf politische Gegner5. Dazu musste nicht erst ein „Krieg gegen den Terrorismus“ ausgerufen werden. Das war auch vorher schon so.
Nur die Berichterstattung hat sich geändert. Seit dem 11. September ist alles „Krieg gegen den Terrorismus“. Auch die beiden Artikel auf der Tagesschau-Website widmen sich der Herstellung eines entsprechenden Zusammenhangs. Natürlich: Terrorism sells. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine Berichterstattung, die auch auf Charakteristika des Landes und politische Zusammenhänge eingeht.
Darf's nicht ein wenig genauer sein?
Es muss ja nicht im Artikel selbst sein, aber ein Link zu etwas anderem als ähnlich oberflächliche Artikel und ein paar Stichworte Landeskunde wäre schon nett. Vielleicht zu etwas, was gründlichere Recherchen erkennen lässt?
Das wäre wirklich schön.
1 http://www.tagesschau.de/ausland/pakistan278.html
2 http://www.tagesschau.de/ausland/meldung13192.html
3 http://www.tagesschau.de/ausland/pakistan268.html
4 http://www.khyber.org/people/pol/AftabAhmadKhanSherpao.shtml
5 The Age of Kali