Warum eigentlich?
Dienstag, 3. Mai 2011
Osama ist tot!
Warum eigentlich?
Montag, 10. März 2008
Kasperle-Theater in Hessen
Wunderlich, was der Mensch alles schlucken kann! Wohl zehn Minuten las ich in einer Zeitung, ließ durch das Auge den Geist eines verantwortungslosen Menschen in mich hinein, der die Worte anderer im Munde breit kaut und sie eingespeichelt, aber unverdaut wieder von sich gibt.
Nämlich hier. Ich würde das ja als neuen Tiefpunkt des Internet-Journalismus bezeichnen... wenn ich davon ausgehen könnte, dass diese Art, einen „professionellen“ Artikel zu verfassen, tatsächlich schon das Ende der Fahnenstange ist.
Nicht nur wunderlich, sondern geradezu unglaublich finde ich jedoch den Umstand, dass in Hessen immer noch Koalitions-Verhandlungen geführt werden. Was ist mit diesen Leuten los? So viele Optionen gab und gibt es doch nicht, oder? Wie kann man allen Ernstes Wochen darauf verplempern, eine zum Teil aus ehemalige SPD-Politikern bestehende Partei in einen Topf mit Kommunisten zu werfen oder die Profilneurose einer selbst erklärten „Bedenkenträgerin“ zu diskutieren? Oder darüber zu spekulieren, ob Roland Koch für eine Schwarz-Geld-Grüne Koalition seine Kandidatur um das Ministerpräsidentenamt aufgeben würde oder nicht? Wenn Roland Koch tatsächlich bereit wäre, auf eine Kandidatur zu verzichten, hätte er das in den letzten Wochen jederzeit tun können. Statt dessen hat er seine Standard-Strategie, sobald er einen (oft von ihm selbst in Gang gesetzten) Sturm im Wasserglas nicht mehr braucht, verfolgt: Schweigend alles aussitzen. Und der Erfolg gibt ihm auch diesmal recht: Seine Konkurentin um die Position des Ministerpräsidenten hat die Nerven verloren und alles hin geworfen. Ihre Wähler werden es ihr danken.
Ich finde, dass man schon allein für die Zeit und das Geld, das mit diesem Kasperle-Theater verschwendet worden ist, Neuwahlen angesetzt werden müssten. Offensichtlich hat sich ja keine der großen Parteien bzw. keiner ihrer Vertreter als verhandlungs-, geschweige denn kompromissfähig genug für eine Lösung erwiesen. Das sollte honoriert und die Entscheidung an diejenigen zurück gegeben werden, die hier laut Grundgesetz das Sagen haben: Die Wähler.
Freitag, 1. Februar 2008
Wenn man den kleinen Finger reicht...
dann darf man sich eigentlich nicht wundern, wenn der "Große Bruder" einem gleich den Arm abzureißen versucht. Sprich: Nachforderungen bezüglich der Anzahl der Soldaten und des Bereichs ihres Einsatzes in Afghanistan stellt.
Nur: Hat denn unsere Bundeskanzlerin in ihrem Schulterschluss mit Präsident Bush vom November letzten Jahres das Ausmaß und den Ort der deutschen Unterstützung für US-Militäraktionen in irgend einer Form eingeschränkt? War da irgendwo die Rede von Nordafghanistan? Oder davon, dass Änderungen der US-Truppenstärke nicht auf die Bundeswehr abgewälzt werden dürften? Haben sich Bundeskanzlerin und Regierung nicht eher in echter Nibelungentreue hinter das US-Vorgehen in Afghanistan gestellt?
Dabei: Ist es wirklich so fernliegend, sich zu fragen, ob der Wiederaufbau von Infrastruktur und zivilen Einrichtungen dem Land und seiner Bevölkerung nicht mehr bringt als noch mehr Blutvergießen? Muss der Blutzoll, den der "Kampf gegen den Terror" der Zivilbevölkerung in Afghanistan abfordert, diese nicht gegen ihre US-"Befreier" einnehmen? Umso mehr, als er bislang nicht nur keinen Erfolg hatte, sondern alles nur noch schlimmer gemacht hat? (s.z.B. hier, hier, hier und hier).
Dass die US-Regierung einseitig auf militärisches Eingreifen als "Problemlösung" fixidert ist, ist nichts Neues. Angesichts eines exorbitanten Militärbudgets ist das vielleicht nicht überraschend. Wenn man sich allerdings fragt, was militärisches Eingreifen zu einer stabilen Demokratie beizutragen vermag, braucht sich nur den amerikansichen "Hinterhof" in Kolumbien anzusehen. Die Leidtragenden sind - wie üblich - die Unbewaffneten.
Dienstag, 29. Januar 2008
Ein paar aufgehetzte Muslime?
B. [...] An dem Tag, als die Russen offiziell die afghanische Grenze überschritten, schrieb ich an Präsident Carter: Jetzt haben wir die Möglichkeit, den Russen ihr Vietnam zu bereiten. [...]
F. Und Sie bereuen auch nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt und zukünftige Terroristen mit Waffen versorgt und ausgebildet zu haben?
B. Was ist denn wichtiger für die Weltgeschichte? Die Taliban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums? Ein paar aufgehetzte Muslime oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?
F. Ein paar aufgehetzte Muslime? Aber es wird doch immer behauptet, der islamische Fundamentalismus stelle heute eine globale Bedrohung dar?
B. Unsinn. Es wird behauptet, der Westen hätte eine globale Politik gegenüber dem Islam. Das ist Unsinn. Es gibt keinen globalen Islam. Sehen Sie sich den Islam vernünftig und ohne Demagogie oder Emotionen an. Mit 1,5 Mrd. Gläubigen ist er die führende Weltreligion. Aber welche Gemeinsamkeit besteht denn zwischen dem saudi-arabischen Fundamentalismus, dem gemäßigten Marokko, dem pakistanischen Militarismus, dem prowestlichen Ägypten oder dem zentralasiatischen Säkularismus? Jedenfalls keine größere als zwischen den christlichen Ländern.
Bemerkungen Zbigniew Brzezinskis (B) gegenüber der Zeitschrift Le Nouvel Observateur (F), 15.-21. Januar 1998.
Brzezinski war zwischen 1977 und 1981 Sicherheitsberater von US-Präsident Carter. In dieser Funktion befürwortete er den von Präsident Carter am 3. Juli 1979 – ein halbes Jahr vor Einmarsch der Sowjets in Afghanistan - unterzeichneten Erlass zur geheimen Unterstützung der Mudschaheddin mit Waffen. Damit sollten die Sowjets zu einer Intervention provoziert werden, die sie schwächen und den Zerfall des Ostblocks beschleunigen sollte. Das letztendliche Motiv für sein Interesse an Afghanistan lag jedoch in seiner Annahme, dass sich der zentralasiatische Raum „zu einem ökonomischen Filetstück entwickeln könnte, konzentrieren sich in dieser Region doch ungeheure Erdgas- und Erdölvorkommen, von wichtigen Mineralien einschließlich Gold ganz zu zu schweigen.“ (Brzezinski, Die einzige Weltmacht, zitiert nach Peter Dale Scott, Die Drogen, das Öl und der Krieg, S. 53)
Montag, 28. Januar 2008
Peinliche Wahl in Hessen
Für mich zeigt sich damit, dass die Rechnung von Roland Koch aufgegangen ist: Es ist egal, wie und womit, Hauptsache, ein Politiker macht die Medien auf sich aufmerksam, bringt sich bei den Wählern ins Gespräch. Womit, scheint selbst die Wähler nicht sehr zu kümmern.
Es sei denn, Roland Koch hätte in mehr als einer Hinsicht recht. Und es wäre mittlerweile mehrheitsfähig, ja normal, Minderheiten heraus zu picken und sie zu Sündenböcken für die Fehler Anderer zu machen. Warum auch nicht. Das hat hierzulande ja Tradition.
Ich hoffe, er und seine Wähler schlafen gut damit.
Freitag, 25. Januar 2008
Kampfeinsatz im Frühjahr
Jetzt ist es also so weit: Auch deutsche Soldaten dürfen sich demnächst für amerikanische Wirtschaftsinteressen tot schießen lassen1,2. Was zählt auch das Leben eines Menschen, wenn es darum geht, Pipelines durch Afghanistan zu bauen und dafür eine der US-Regierung und der Firma Unocal genehme Person an der Spitze der Regierung zu halten?
Aber dass uns etwas derartiges erwartet, war wohl nach dem Besuch unser Frau Kanzlerin bei US-Präsident Bush und ihrer gemeinsamen Pressekonferenz im November 2007 zu erwarten. Tut ja auch not, dass wir, nachdem wir uns schon vor dem Irak-Krieg gedrückt haben, wenigstens jetzt diejenigen unterstützen, „die sich in Afghanistan und weltweit für demokratische Rechte und für eine internationale rechtsstaatliche Ordnung einsetzen.“
Honi soit qui mal y pense.
Dass Kampfeinsätze tatsächlich zu einer Stabilisierung der politischen und sozialen Verhältnisse in Afghanistan führen, ist jedoch eher zweifelhaft.
1 http://www.netzeitung.de/deutschland/886052.html
2 http://www.wz-newsline.de/?redid=216&ID=726815
Donnerstag, 24. Januar 2008
"Spitzenleistung auf höchsten ethischen Niveau"
Da müssen die Führungskräfte in seinem Unternehmen aber noch ein bisschen üben, oder?
Ich empfehle zur Klärung des derzeit aktuellen Problems diesen Link. Bitte das Thema "Was ist Schmiergeld?" anklicken.
Danke.
Montag, 21. Januar 2008
Mit offenen Karten - Afghanistan
"Die Geschichte Afghanistans erklärt sich weitgehend aus seiner geographischen Lage. Es bildet den östlichen Teil der Hochebene, die man als Hochland von Iran bezeichnet, und wird durch den westlichen Flügel der gekrümmten Hochgebirgskette, die den indischen Subkontinent vor den räuberischen Steppenbewohnern Zentralasiens schützte, in zwei Teile zerschnitten. Nur in Afghanistan sind diese Gebirgszüge für Heere passierbar, so daß nach Indien gerichtete Invasionen entweder diesen Weg nehmen oder ihre Westflanke umgingen." (G.E. von Grunebaum)
Heutzutage liegt Afghanistan auf dem Weg diverser projektierter Pipelines, was die Geschichte des Landes nicht weniger farbig gestaltet wie zu früheren Zeiten (siehe u.a. Uni Kassel 1; Journal für Antimilitarismus; zu Hamid Karzai)
Trotzden noch einige Geschichten aus der Geschichte:
- Als Ende des 19. Jahrhundert Russland Richtung Osten expandierte, sah das Britische Empire seine Interessen in Indien bedroht. Britische Strategen tüftelten daher den Plan aus, eine britische Marionette auf den afghanischen Thron zu setzen und auf diese Weise Afghanistan in eine verlässliche Festung zum Schutz der Kolonie Indien zu verwandeln. Zu diesem Zweck führten die Briten zwei Kriege, von denen erst der zweite für sie erfolgreich verlief. Der Emir, der nach ihrem Rückzug Herrscher von Afghanistan wurde - 'Abdurraman Han - erklärte sich nämlich bereit, Großbritannien die Kontrolle über die afghanische Außenpolitik zu überlassen. Für Afghanistan war diese Entscheidung eine Katastrophe, bedeutete sie doch eine selbst auferlegte Isolierung von der übrigen Welt, die, zusammen mit dem (erst!) damals erstarkenden religiösen Fanatismus, dass das Land für 50 Jahre vom Fortschritt ausschloss. Nicht weniger gravierend war, dass dieser Emir das sogenannte Durand-Abkommen von 1893 unterzeichnete. Mit diesem Abkommen wurde nämlich ein Teil des Südostens Afghanistans samt seiner Bevölkerung Indien zugeschlagen. Dieser ehemalige Teil Afghanistans wiederum wurde 1947 Teil Pakistans. Daraus erklärt sich, warum ein Teil der Bevölkerung Pakistans Paschtunen/Pathanen/Afghanen sind. Sie bewohnen hauptsächlich die Nordwestprovinz, die Stammesgebiete sowie einen Teil Belutschistans. In Belutschistan liegt übrigens auch die Stadt Quetta (hauptsächlich nach G.E. von Grunebaum).
- Die USA haben die Gruppierungen, die sie heute in Afghanistan bekämpfen (Al-Quaida, die Taliban) zu anderen Zeiten unterstützt, wenn nicht überhaupt erst groß gemacht. Erst als sich erwies, dass diese Gruppen nicht (mehr) den Interessen der USA dienen wollten, wurden sie zu "Feinden" (siehe u.a. Taliban FESt; Taliban 1; Taliban 2; Al-Kaida).
Dienstag, 15. Januar 2008
Roland Koch Superstar
Wir haben jetzt Mitte Januar 2008.
Die Hessenwahl ist am 27. Januar 2008.
Was tut also Roland Koch? Er bringt sich ins Gespräch.
Die Inhalte, die er dafür benutzt, sind weitgehend irrelevant.
Er macht das nicht zum ersten Mal. Schon vor den Hessenwahlen 1999 und 2003 hat er sich mit kontroversen Vorschlägen ins Gespräch gebracht. Auch diese stammten großenteils aus den USA. Und auch damals ist er bei dem, was er nicht durchbringen konnte, zurück gerudert. Warum auch nicht: Er hatte sein Ziel erreicht, nämlich sich nachdrücklich ins Bewusstsein der Wähler zu bringen. Roland Koch weiß, dass dies das einzige ist, worauf es bei Politikern ankommt.
Politiker sind nämlich – auch wenn sich einige von ihnen immer noch Exekutive nennen – keineswegs mehr politisch Handelnde. Sie sind Medienstars. Und genau wie bei anderen Medienstars kommt es auch bei ihnen in erster Linie darauf an, das Publikum für sich zu interessieren, im Gespräch zu sein. Dabei ist es durchaus gängige Praxis, sich auf Kosten derjenigen zu profilieren, die sich am wenigsten wehren können: Hartz IV-Empfänger, Zuwanderer, Kinder. Politiker können das. Denn anders als Schauspieler oder Sänger müssen sie dem Publikum nicht glaubhaft machen, sie wären „in Wahrheit“ lieb und nett. In der Politik ist der gesichtslose Bürokrat, der „zum Nutzen der Wirtschaft“/“des Landes“ (d.h. seiner Lobby) mit dem Taschenrechner in der Hand über menschliche Ameisen hinweg trampelt, ein Erfolgsmodell.
Politiker wie Roland Koch sind mit ihren Manipulationen erfolgreich, weil sie an menschliche Instinkte appellieren: Angst und Aggression. Wenn Angst und Aggressionen angesprochen werden, verlagern sich Entscheidungen vom Kopf in den Bauch. Und was – für einen Politiker – noch schöner ist: Mit ihrer Hilfe lassen sich ausgerechnet die Opfer jahrzehntelanger Sparpolitik zu Sündenböcken machen.
Dass das Unsinn ist, weiß Roland Koch hoffentlich selbst. Aber darauf kommt es nicht an. Es geht darum, eine Rolle zu spielen. Sich ins Gespräch zu bringen, um Wählerstimmen zu fangen. Aber auch, politisches Handeln darzustellen, um die eigene Existenz zu rechtfertigen. Ob dieses „Handeln“ ins Leere läuft, und das bei einiger Überlegung auch vorhersehbar ist, spielt keine Rolle. Politiker sind schließlich Medienstars. Wenn sie eines wissen, dann dies: Das Gedächtnis der Wähler ist kurz.
P.S. weitere Aspekte gibt's hier: Nicht mehr ganz taufrisch, aber immer noch interessant.
Dienstag, 8. Januar 2008
Feinstaub Feinstaub Feinstaub
Der Hintergrund: Mit 1. Januar 2008 haben Berlin, Hannover und Köln so genannte Umweltzonen eingeführt - und verlangen von Jedem, der dort hinein fahren will oder muss, den Nachweis einer Erlaubnis in Form einer kostenpflichtigen Plakette. Die Idee dabei soll sein, dass man umwelt-unfreundliche Fahrzeuge aus den Städten heraus halten und so die Feinstaubbelastung verringern will.
Das klingt beim ersten Hören ganz vernünftig. Es würde noch länger vernünftig klingen, gäbe es nicht alle möglichen Ausnahmeregelungen: In Köln z.B. für Anwohner, Gewerbetreibende mit Sitz in der Umweltzone, Lieferfahrzeuge, ausländische Fahrzeuge (z.B. Reisebusse), Oldtimer, Trecker, Wohnmobile, Motorräder oder für "Fahrten zur Wahrnehmung überwiegender oder unaufschiebbarer Einzelinteressen" (Infos dazu hier).
Ich muss gestehen, mir leuchtet nicht so ganz ein, was daran umweltfreundlich sein soll, wenn ein alter, aber noch mit gültiger TÜV-Plakette versehener PKW nicht mehr fahren darf - wohl aber ein alter stinkender Reisebus mit "Tagesgenehmigung". Von den Traktoren, die die Karnevalswagen ziehen, und von deren Abgasen einem übel werden kann, einmal ganz zu schweigen. Kommt es nur mir so vor, als ginge es hier weniger um die Umwelt als darum, die Pendler auszunehmen?
Anscheinend bin ich nicht allein mit meinen Zweifeln an dem Sinn dieser "Umweltzonen". Auch der ADAC meldet solche an. Leider erfährt man dazu in den beiden oben erwähnten Online-Artikeln so gut wie nichts. Der Journalist bei Stern.de schafft es, drei garantiert aussagenfreie Zitate zu präsentieren - dafür findet man unten neben dem Artikel einen Hinweis auf einen Artikel "Umweltzonen - drei Farben für gesunde Luft". Man merkt: Bei Stern.de ist man über die Details gut informiert. FR-online präsentiert nur wenig mehr. Aber so gut, wie wir verschlagwortet sind, wozu brauchen wir da noch Informationen...
Worum es dem ADAC geht, erfährt man übrigens hier.
Dienstag, 25. Dezember 2007
Wir, die und die Moral
Das UNICEF Foto des Jahres zeigt nach Angaben der Fotografin ein Brautpaar in Afghanistan. Der Mann sei vierzig, das Mädchen 11, heisst es auf der Webseite von UNICEF. Eine Kinderheirat also.
Kinderehen gab es auch in der europäischen Geschichte, z.B. im Mittelalter. Sie wurden aus politischen und wirtschaftlichen Gründen geschlossen: Um mittels der Kinder über Geld oder Land zu verfügen oder um Bündnisse zwischen Familien zu besiegeln. Darüber hinaus meinte man, eine frühe Heirat sei ein gutes Mittel, um sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe zu verhindern. Sie dienten also auch der – christlichen - „Moral“.
Es dauerte lange, bis man Kinder als etwas anderes als „kleine Erwachsene“ wahrzunehmen anfing und begann, ihre Entwicklung als etwas vom Erwachsensein Getrenntes anzusehen. Noch bis Ende des 19. Jahrhundert wurden Kinder im Strafrecht und bei der Industriearbeit zum Teil wie Erwachsene behandelt. Und als in unserem gepriesenen Deutschland schließlich Mindeststandards zum Schutz von (Frauen und) Kindern eingeführt wurden, geschah dies nicht aus Menschenliebe. Sie wurden vielmehr geschaffen, weil die Auswirkungen der früh-kapitalistischen Produktionsverhältnisse auf die Gesundheit der Bevölkerung die damals Herrschenden befürchten ließen, in absehbarer Zeit nicht mehr genug taugliche Soldaten für ihre Kriege zur Verfügung zu haben. Es ging also allein um die Verwendbarkeit von Menschen“material“ als Kanonenfutter. Mit Moral hatte das nichts zu tun1.
Warum setzen sich also heute Leute wie Leon de Winter oder die „Spürnasen“ von „PI“ auf das hohe Ross der Moral – gerade so, als hätten sie unsere Regelungen zum Schutz von Kindern unter Hinweis auf christliche oder ethische Standards erkämpft? Weil es sich so gut anhört? Oder vielleicht, weil's gerade so gut in das politische Klima passt?
Noch heute können in den USA in manchen Bundesstaaten 13jährige und jüngere Mädchen heiraten, wenn sie schwanger sind, ihre Eltern es erlauben und/oder ein Gericht zustimmt2. Die Auswirkungen so einer frühen Heirat auf Gesundheit, Bildung etc. dürften bei amerikanischen Mädchen ähnlich sein wie bei Mädchen anderer Länder. Seltsamerweise lese ich nirgendwo Proteste dagegen. Das wohlmeinende Papier der Organisation PLAN erwähnt die USA nicht einmal3 Wie will man solche Doppelstandards verständlich machen? Warum ist eine Kinderheirat in Afghanistan etwas Schlimmeres als in den USA? Hängt es vielleicht damit zusammen, dass sich die USA als christliche Nation verstehen? Ist es das: Immer noch der alte Kreuzzug gegen den Islam?
Oder sehen wir hier das Wirken einer neo-kolonialen „white man's burden“*: Die überlegene christlich-“westliche“ Welt fühlt sich verpflichtet, den rückständigen Moslems Ethik zu predigen? Was ist denn auf dem Foto überhaupt zu sehen? Ich sehe da nur einen älteren Mann und ein Mädchen. Die ganze Aufregung um dieses Foto basiert auf den Vorstellungen, die „westliche“ Betrachter in diese einfache Aufnahmen hinein projizieren. Die Frage ist, ob das die einzige Deutung ist, die man diesem Foto geben kann. Ich zum Beispiel habe mich gefragt, warum diese Leute überhaupt zugelassen haben, dass man sie fotografiert. Und was sie wohl über die Interpretation dieses Fotos durch „westliche“ Betrachter denken mögen. Vielleicht bestätigt eben diese Interpretation sie in ihrer Überzeugung, „Westler“ würden nur an Sex denken?
In unserer Gesellschaft sind Kinderheiraten heutzutage nicht mehr akzeptabel. Das sollte uns aber nicht vergessen lassen, dass es einige Jahrhunderte gedauert hat, bis wir bei diesem Standpunkt angekommen waren. Und dass wir nur deswegen bei ihm angekommen sind, weil es sich für uns (und unsere Herrschenden) gelohnt hat, unsere früheren Sichtweisen und Bräuche in Bezug auf Kinder zu ändern.
Wenn wir wollen, dass andere ihre Traditionen, z.B. die der Kinderheirat, ändern, ihre Vorstellungen also unseren anpassen, dann sollten wir uns überlegen, welchen Gegen-Wert wir ihnen dafür anbieten können. Und damit meine ich nicht Wirtschafts“hilfe“ oder Waffen.
*) Die Redewendung „white man's burden“ geht auf ein Gedicht von Rudyard Kipling (dem Autor des „Dschungelbuch“s) von 1899 zurück4. Der Zeitpunkt ist wichtig: Er liegt mitten in der Hochphase des Imperialismus, die man als „Scramble for Africa“ bezeichnet5. Entsprechend wird das Gedicht von Kipling oft so interpretiert, als wäre es die Pflicht des „weißen Mannes“, über Menschen anderer Ethnien und Kulturen zu herrschen und so ihre „kulturelle Entwicklung“ voranzutreiben, bis sie, durch vollständige Übernahme der westlichen Kultur, ihren Platz unter den „Zivilisierten“ einnehmen könnten.
1Steht alles auch in der Wikipedia. Wem's genauer lieber ist, hier ein paar Quellen (nur Beispiele): Goody, J., Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa; Ariès, P., Geschichte der Kindheit; Duby, G. (Ed.), Geschichte der Frauen; Mann, G. (Hrsg.), Propyläen Weltgeschichte, Band 8
2 http://www.law.cornell.edu/topics/Table_Marriage.htm
3 http://www.plan-deutschland.de/uploads/tx_trs2smediathek/Kinderheirat.pdf
4 http://en.wikipedia.org/wiki/The_White_Man%27s_Burden
5 http://en.wikipedia.org/wiki/Scramble_for_Africa
Freitag, 21. Dezember 2007
Attentat in Pakistan
Statt dessen werden wir gleich doppelt darüber informiert, dass der Anschlag dem ehemaligen pakistanischen Innenminister Aftab Ahmed Sherpao gegolten habe. Nur kurz wird erwähnt, er sei während seiner Amtszeit „mit Sicherheitskräften auch gegen Extremisten in den Grenzprovinzen zu Afghanistan vorgegangen“1 Ebenfalls nur kurz erwähnt wird, dass „In Pakistan [...] seit dem Sommer die Gewalt“ zunimmt1. Wer wissen will, warum, muss sich schon selbst bemühen.
Im Sommer wurde die Rote Moschee in der pakistanischen Stadt Islamabad von der Armee gestürmt. Dabei kam der Geistliche der Moschee und eine unbekannte Anzahl Menschen ums Leben3. Wie seit dem 11. September üblich, wurde die Aktion als Vorgehen gegen „Islamisten“ und „Terroristen“ erklärt. Was ein Massaker dabei helfen soll, blieb unerklärt.
Das Ziel des aktuellen Attentats, Aftab Ahmad Khan Sherpao4, war zur Zeit der Erstürmung der Roten Moschee Innenminister. Er scheint sich in dieser Funktion nicht beliebt gemacht zu haben, denn es hatte schon vor der Aktion wenigstens ein gegen ihn gerichtetes Attentat gegeben. Aber auch hier lohnt es sich, noch andere Quellen heran zu ziehen, als die Berichterstattung in der Presse.
1998 veröffentlichte der schottische Schriftsteller William Dalrymple ein Buch mit Artikeln über seine Reisen auf dem indischen Subkontinent. Das Buch hat den Titel „The Age of Kali“ und ist äußerst lesenswert. Nicht nur, aber auch, weil es einige Artikel über Pakistan enthält.
Dalrymple zufolge hat Politik in Pakistan in mancherlei Hinsicht mehr Ähnlichkeit mit Bandenkriegen als mit „Demokratie“. Gewalt und Korruption sind Teil des Systems – ebenso wie Attentate auf politische Gegner5. Dazu musste nicht erst ein „Krieg gegen den Terrorismus“ ausgerufen werden. Das war auch vorher schon so.
Nur die Berichterstattung hat sich geändert. Seit dem 11. September ist alles „Krieg gegen den Terrorismus“. Auch die beiden Artikel auf der Tagesschau-Website widmen sich der Herstellung eines entsprechenden Zusammenhangs. Natürlich: Terrorism sells. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist eine Berichterstattung, die auch auf Charakteristika des Landes und politische Zusammenhänge eingeht.
Darf's nicht ein wenig genauer sein?
Es muss ja nicht im Artikel selbst sein, aber ein Link zu etwas anderem als ähnlich oberflächliche Artikel und ein paar Stichworte Landeskunde wäre schon nett. Vielleicht zu etwas, was gründlichere Recherchen erkennen lässt?
Das wäre wirklich schön.
1 http://www.tagesschau.de/ausland/pakistan278.html
2 http://www.tagesschau.de/ausland/meldung13192.html
3 http://www.tagesschau.de/ausland/pakistan268.html
4 http://www.khyber.org/people/pol/AftabAhmadKhanSherpao.shtml
5 The Age of Kali
Donnerstag, 20. Dezember 2007
Zahlreiche Muslime gewaltbereit?
So jedenfalls berichtet es Tagesschau.de unter Berufung auf die „Frankfurter Rundschau“, und FR-online.de unter Berufung auf eine vom Bundesinnenministerium vorgelegte Studie. Dieser Studie zufolge wird außerdem eine „kleine Gruppe von sechs Prozent als "gewaltaffin" eingestuft. Immerhin 14 Prozent der“ in der Studie „Befragten, von denen knapp 40 Prozent einen deutschen Pass hatten, standen mit der Rechtsstaatlichkeit auf Kriegsfuß und zeigte problematische Distanz zur Demokratie. Glaubt man der Erhebung, dann identifizieren sich zwölf Prozent der Muslime in Deutschland mit einer stark religiös-moralischen Kritik an westlichen Gesellschaften, kombiniert mit der Befürwortung von Körperstrafen bis hin zur Todesstrafe.“ Zudem sei „Immerhin ein Viertel der angehenden muslimischen Studenten [...] "zumindest latent radikalisierungsgefährdet".
(Quellen: http://www.tagesschau.de/inland/gewaltbereitschaft2.html; http://www.fr-online.de/top_news/?sid=d702fd3080a0e384c54bc3c64ddf1e52&em_cnt=1261116)
So weit das, was FR-online.de von der immerhin 515 Seiten umfassenden Studie des Instituts für Kriminalwissenschaften, Abteilung Kriminologie, der Universität Hamburg übrig lässt. Warum ausgerechnet Kriminologen, müsste man den damaligen Innenminister Schily fragen, der die Studie 2004 in Auftrag gegeben hat. Jedenfalls werden in ihr mit Hilfe von Befragungen und qualitativen Interviews unter anderem Diskriminierungs-Erfahrungen, Religiosität, "Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz" sowie Einstellungen zu politisch-religiös motivierter Gewalt erhoben.
Befragt wurden dafür
- knapp 1.000 muslimische Bürger; per Telefoninterview,
- knapp 500 Schüler der 9. und 10. Schulstufe in Augsburg, Berlin und Köln; per Fragebogen im Klassenverband,
- 195 Studenten in Augsburg, Berlin, Hamburg und Köln; per Fragebogen, der vom Studentensekretariat der jeweiligen Uni verschickt wurde,
- 60 Männer aus dem Umfeld muslimischer Organisationen und Vereine; per qualitativem Interview.
Dabei ist zu beachten:
- Die Befragung der Schüler fand im Klassenverband statt, Muslime und Nicht-Muslime zusammen. Es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass in einem Klassenverband sozialer Druck ausgeübt wird. Darüber hinaus haben die Schüler vermutlich Überlegungen angestellt, was der Untersucher von ihnen erwartet. Einflüsse der Untersuchungssituation und des Untersuchers auf die Befragungsergebnisse (Stichwort Soziale Erwünschtheit*) wurden jedoch bei der Auswertung nicht berücksichtigt.
- Bei den Studenten betrug die Rücklaufquote nur 27,7%, d.h. von 100 verschickten Fragebögen kamen im Schnitt nur knapp 28 wieder. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Ergebnisse betrachtet. Über das, was die anderen immerhin 72,3% zu sagen gehabt hätten, kann man nur spekulieren.
- Analog lag bei den telefonisch befragten Bürger die Quote derjenigen, mit denen ein vollständiges Interview geführt werden konnte, bei 34,8%.
Und nun zurück zum Anfang.
Ich finde den Ausdruck „fundamental orientiert“ ziemlich unglücklich. „Fundamental“ ist nur ein Hilfsverb; allein bedeutet es nichts und es enthält auch keine Wertung. Was ist also mit fundamental gemeint? Fundamental schön? Fundamental hungrig? Fundamental gelb?
Die Autoren der Studie meinen damit natürlich etwas Bestimmtes, nämlich einen statistischen Faktor, den sie aus den Antworten auf vier ihrer Fragen errechnet haben. Die Leser FR-online.de erfahren darüber allerdings nichts. Sie lesen nur „fundamental orientiert“ - und interpretieren das allein aufgrund der Ähnlichkeit der Wörter womöglich als „fundamentalistisch“.
Wie steht es nun mit den Zahlen?
Die in der auf FR-online.de erwähnten 40% „fundamental Orientierter“ finden sich bei den Bürgern und Schülern, nicht aber z.B. bei den Studenten. Das mag ein Bildungseffekt sein, kann aber auch mit der Befragungssituation zusammenhängen. Die Schüler wurden in ihrer Klasse befragt, vielleicht während sie neben ihren Freunden saßen. Ebenso befanden sich in der Nähe der telefonisch befragten Bürger womöglich Familienangehörige. In einer Studie wie dieser sollte man derartige Einflussfaktoren einkalkulieren; ebenso wie den Einfluss, den die Befragung selbst auf die Antworten hat.
Immerhin wird hier nach Einstellungen gefragt. Einstellungen sind kein sehr stabiler Untersuchungsgegenstand. Wenn man dieselbe Person mehrmals nach ihren Einstellungen fragt, womöglich noch durch verschiedene Untersucher, bekommt man wahrscheinlich verschiedene Antworten. Hinzu kommt, dass Einstellungen nicht unbedingt handlungsrelevant sind. Soll heißen: Man kann eine Einstellung haben, auch darüber reden, vielleicht sogar daran glauben. Ob man in einer bestimmten Situation entsprechend handelt, ist damit noch lange nicht gesagt.
Was haben wir also hier? Bei ca. 40% der befragten muslimischen Bürger und Schüler der 9. und 10. Schulstufe eine „fundamental orientierte“ Einstellung. Das kann man zur Kenntnis nehmen. Darüber kann man auch nachdenken. Wie das einzuorden ist, wird man aber erst herausfinden, wenn man ähnliche Untersuchungen auch an der christlichen Mehrheit durchführt. Die „fundamentale Orientierung“ unserer muslimischen Minderheit existiert schließlich nicht im leeren Raum. Kann man tatsächlich ausschließen, dass ihr ähnlich „fundamentale“ christliche Einstellungen gegenüber stehen?
Die übrigen Zahlen beziehen sich hauptsächliche auf die Teilgruppe der telefonisch befragten Bürger. Unter ihnen
- ist bei 6% laut Studie ein Potenzial, d.h. eine Möglichkeit zu politisch-religiös motivierten Formen von Gewalt zu erkennen.
- Zeigte sich bei 12% eine Einstellung der religiös motivierten Aufwertung ihrer eigenen Gruppe und Abwertung der „Anderen“, kombiniert mit einer Befürwortung von Körper- und Todesstrafen entsprechend dem islamischen Recht; letzteres wurde in der Studie als Ausdruck von „Demokratiedistanz“ bewertet.
- Zeigten 14% „problematische Einstellungsmuster“ in der Form, dass ihre Einstellung zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eher distanziert war bzw. bei ihnen eine hohe Akzeptanz von politisch-religiös motivierter Gewalt“ festgestellt wurde.
Diese Zahlen addieren sich nicht, sondern überschneiden sich; die 12% und 14% sind jeweils zusammenfassende Zahlen, es geht aber zum Teil Verschiedenes in sie ein. Erfragt werden darüber hinaus nur Einstellungen; ob diese seitens der Befragten jemals zu irgend welchen Handlungen führen, ist anhand der Ergebnisse dieser Studie allein nicht abzuschätzen.
Unter den Studenten wiederum sind 24,1%, die einer statistisch berechneten Klasse namens „religiös Rigide“ zugeordnet wurden. Diese sehen die Untersucher als „in gewissem Maße islamismusnahe Gruppe, die [...] sich durchaus als stärker radikalisierungsgefährdet erweisen könnte“ als religiös weniger festgelegte Bevölkerungsgruppen. Aber auch das sind nur Einstellungen, kombiniert mit einer Einschätzung der Untersucher - und zwar in Bezug auf eine kleine Gruppe von 47 Personen.
(Quelle der Zahlen und Zitate: Studie)
Die auf gewissen Sites beschworene Gefahr der "Islamisierung" sehe ich vorläufig weder von ihnen noch von den anderen "Risikogruppen" auf uns zurollen. Was mich irritiert, ist die tendenziöse Berichterstattung. Da dichtet man auf FR-online den Untersuchern eine Besorgnis an. Und Tagesschau.de konstruiert aus den anscheinend nur aus zweiter Hand übernommenen Zahlen gleich, dass "zahlreiche Muslime" gewaltbereit wären.
Man kann's auch übertreiben, oder?
*) Soziale Erwünschtheit ist die Tendenz, das eigene Denken und Handeln an sozialen Normen auszurichten. Das kann sich z.B. dahin gehend äußern, dass eine Person bei einer Befragung das erzählt, wovon sie meint, dass der Untersucher es hören will. Oder eine Person beantwortet die Feststellungen in einem Fragebogen über Einstellungen nicht so, wie sie auf sie zutreffen, sondern so, wie es in ihrer sozialen Gruppe „richtig“ ist.
Die Leute wollen es nur richtig machen. Aber für einen Wissenschaftler ist das ein Problem, dass er bei Befragungen einkalkulieren sollte.