Donnerstag, 10. Juli 2008

Bundesverwaltungsamt is watching you - oder wie Vati Staat es schafft, aus zinslosen Darlehen doch noch Einkünfte zu ziehen

Zugegeben, ich bin kein Jurist. Aber eine Sache meinte ich im Laufe meines Lebens über das Recht der Bundesrepublik Deutschland gelernt zu haben: Dass nämlich seine Grundlagen im Bürgerlichen Gesetzbuch (kurz: BGB) geregelt sind. Und dass diesen Grundlagen zufolge ein Bürger nur für etwas haftbar gemacht werden kann, was er auch verschuldet hat. Eine durchaus sinnvolle Regelung, wenn man mal darüber nachdenkt. Denn wo kämen wir hin, wenn man für etwas, wofür man nicht verantwortlich ist, ins Gefängnis kommen könnte? Oder dafür Bußgelder oder Punkte in Flensburg aufgebrummt bekäme? Stellen Sie sich vor, Sie bekämen einen Behörden-Bescheid, in dem steht: „Dabei ist es rechtlich ohne Belang, ob Sie [...] ein Verschulden trifft.“ Könnte bei einem solchen Rechtsverständnis nicht jede Behörde jedem Bürger alles mögliche anhängen und abfordern?

Eine Behörde, für die dieses Rechtsverständnis anscheinend Bestandteil ihrer Standard Operating Procedures (kurz: SOP) ist, ist das Bundesverwaltungsamt in Köln. Hinter diesem nichts sagenden Namen verbirgt sich eine Institution, die unter anderem zuständig ist für Ausländerangelegenheiten, die Besoldung von Staats“dienern“, Innere Sicherheit, IT in der öffentlichen Verwaltung, Auslandsschulen – und BAföG.

BAföG? Ach ja, das bedeutet in Langform „Darlehensverwaltung und -einzug nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG)“. Die wesentlichen Teile in diesem Bandwurm sind „Darlehen“ und „-ausbildung-“. Es geht um Ausbildungsdarlehen. Und zwar zinslose, nicht solche, für die man hinterher 8+% Zinsen abdrücken muss. Klingt toll, nicht? Ist auch toll. Theoretisch. In der Theorie kann man, wenn die Eltern es sich nicht leisten können, einen zur Uni oder Ausbildung zu schicken, ein Darlehen dafür von Vati Staat kriegen. Man darf nur das Konfirmandengeld nicht gespart haben, es darf kein Eigentum da sein und man sollte möglichst viele Geschwister haben, die alle noch zuhause leben und in der Ausbildung sind. Und wenn das nicht klappt, kann man immer noch „elternunabhängig“ BAföG kriegen, wenn man 6-7 Jahre lang arbeitet und Steuern zahlt. Aber egal, ob man nun durch Arbeit oder das reine Elend zu seinem Förderungsanspruch gekommen ist: Das Darlehen ist in jedem Fall zinslos.

Das heißt, das war es. Denn irgendwo auf dem Weg ist irgend einem schlauen Staats“diener“ ein Schachzug eingefallen, wie Vati Staat doch noch an den armen Würstchen verdienen kann, die auf staatliche Ausbildungsförderung angewiesen sind. Das Zauberwort lautet Rückzahlungsverzug: Wenn ein Ex-BAföG-Empfänger den Rückzahlungstermin für eine Rate um mehr als 45 Tage überschreitet, werden Zinsen erhoben. Und zwar nicht – wie man erwarten würde – von der Rate, die zu spät gezahlt wurde. Sondern von der Darlehensrestschuld, sprich: Dem gesamten, noch zurück zu zahlenden Betrag. Und da sind sie – tadaa! -, die Zinsen für das zinslose Darlehen. Und um dem Bürger gleich klar zu machen, wo er mit eventuellem Widerspruch dagegen steht, wird ihm verkündet: „Dabei ist es rechtlich ohne Belang, ob Sie an dem Zahlungsverzug ein Verschulden trifft.“

Dieser Satz ist wichtiger, als Sie glauben. Denn dieses Über-Amt, dass es zu seinen Aufgaben zählt, in Ausländervereinen und den Sparbüchern von BAföG-Empfängern herum zu spitzeln, lässt in seinen Bescheiden wissen, dass es nicht in der Lage ist, Adressänderungen innerhalb einer Abteilung von einem Standort zum anderen weiter zu geben. Erstaunlich für eine Behörde, die auch für IT in der öffentlichen Verwaltung zuständig ist, oder? Anscheinend müssen sie noch klären, was eine Datenbank ist. Wenn Sie also jemals BAföG bekommen und noch nicht alles zurück gezahlt haben, ziehen Sie besser nicht um. Wechseln Sie nicht die Bank. Verlieren Sie nicht Ihren Job. Ändern Sie am besten gar nichts. Und wenn sich das nicht vermeiden lässt, verlassen Sie sich wenigstens nicht darauf, dass Informationswege, die anderen Behörden völlig ausreichen, dieses Amt zufrieden stellen. Das tun sie nicht.

Verkneifen wir uns Spekulationen darüber, wo die Gebühren landen, die Bürgern dafür aufgebrummt werden, dass sie Angelegenheiten, die das Bundesverwaltungsamt gemeldet zu haben wünscht, nicht per Einschreiben mit Rückschein oder dem falschen Standort gemeldet haben. Denn die werden über die Verzugszinsen hinaus fällig. Pauschal. Egal „welche Kosten die Ermittlung“ [der zu meldenden Info] „tatsächlich verursacht hat“ (war da nicht was mit IT in der öffentlichen Verwaltung und Innerer Sicherheit?). Und auch hier spielt es keine Rolle, ob den Bürger ein Verschulden trifft oder nicht.

Diesen Behörden-Geniestreich muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Gebühren für etwas einzufordern, von dem man offen lässt, ob und wie man es überhaupt geleistet hat, und die Verantwortung dafür auf denjenigen abzuschieben, der blechen soll.

Ich denke, das Bundesverwaltungsamt ist ein echter Trendsetter.

Sonntag, 29. Juni 2008

Guantanamo

Ray hat mir noch ein Stöckchen zugeworfen, das er von Luiza bekommen hat.

Darum geht es:




"[...] die schläge ins gesicht
die kennen wir
die schläge auf rücken und nacken
die kennen wir
die schläge auf arme und beine
die kennen wir
kennen wir genau
und die schläge in die geschlechtsteile
die kennen wir
die schläge quer über die nase und die in den bauch
ja die kennen wir
und die schläge genau zwischen die zähne
auch die kennen wir
kennen wir nur zu genau
die tritte vors schienbein
die kennen wir
die tritte in den arsch und die in den bauch
ja die kennen wir
und die tritte in den schritt
die kennen wir
kennen wir sehr genau
[...]
das stehen an der wand
das kennen wir
das stehen an der wand mit gegrätschten beinen
ja das kennen wir
das stehen an der wand mit gegrätschten beinen
und erhobenen händen die handflächen am putz
und das gefühl
wenn sie dir dann die beine
unterm leib wegreißen
all das kennen wir
kennen wir nur zu genau
den flackerblick der bürschchen mit mp
den kennen wir
den zitterfinger der bürschchen am abzug
ja den kennen wir
die große stille und das stehenbleiben
der welt dann und das plötzlich klopfende herz
wenn das bürschchen sich schließlich abwendet
all das kennen wir
kennen wir genau [...]"

aus: Peter Paul Zahl, brokdorfer kantate

Wer dies gelesen hat, betrachte sich als getaggt.

Sonntag, 1. Juni 2008

Ein Stöckchen...

Ray vom Blog "Der Weg ist das Ziel" hat mir ein Stöckchen zugeworfen. Ich soll meine Lieblingszitate nennen.
Ray hat das Stöckchen von Gabaretha erhalten, und diese von Astaryllis. Alles für's Netwörking...

"Man kann keinem zeigen, was er nicht schon selbst gesehen hat" von William S. Burroughs. Ich weiß nicht mehr genau, wo das stand; wahrscheinlich in einem seiner Drogen-Bücher ("Junkie" oder "Auf der Suche nach Yage"). Das sind die einzigen seiner Bücher, die ich lesenswert fand.

Ein Gedicht von Trakl:
"Immer wieder kehrst du Melancholie,
O Sanftmut der einsamen Seele.
Zu Ende glüht ein goldener Tag.

Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige
Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
Siehe! es dämmert schon.

Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches
Und es leidet ein anderes mit.

Schaudernd unter herbstlichen Sternen
Neigt sich jährlich tiefer das Haupt."

Und ein Kommentar von Billy Wilder über seine Zeit im Nachkriegsdeutschland:

"Ich habe übrigens während meiner Zeit in Berlin und in Bad Homburg keinen einzigen Nazi unter den Deutschen getroffen. Alle waren sie Opfer, alle waren sie Widerstandskämpfer gewesen. Immer schon dagegen. Und zwar voll und ganz. Mir ging es wie meinem Freund Gottfried Reinhardt, der damals als Soldat nach Berlin kam, und dem alle Deutschen, die er traf, erzählten: "Ach Gott, Herr Reinhardt, was waren das für furchtbare Jahre! Was haben wir alle gelitten, und was haben wir alles erlebt! Und diese Schande, diese Schande! Wir werden uns als Deutsche unser ganzes Leben lang schämen müssen. Zwar - ich persönlich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin sogar ein bißchen stolz. Ich habe während des Krieges zwei Juden versteckt. Dabei habe ich natürlich mein Leben aufs Spiel gesetzt, denn wer Juden versteckte, dem drohte der Tod. Die beiden sind jetzt in Amerika."

Und Reinhardt erwiderte: "Ich kann mir das gut vorstellen. Ich weiß, es gab Konzentrationslager und es gab Vergasungsöfen - aber ich nehme es den Deutschen irgendwie nicht übel. Denn offensichtlich gab es zu viele Juden hier!"

Und wenn dann sein Gegenüber konsterniert fragte:" Zu viele Juden? Wie meinen Sie denn das, Herr Reinhardt?" sagte er: "Ich glaube einfach, daß es zu viele Juden hier gab. Und ich will es Ihnen auch erklären. Jeder Deutsche, den ich trefffe, hat, wie Sie auch, zwei Juden gerettet. Die Deutschen waren ein Volk von 80 Millionen Menschen. Wenn jeder zwei Juden gerettet hat, muß es etwa 160 Millionen Juden gegeben haben. Und Sie werden mir zugeben müssen: Das ist einfach zu viel!""
Wer bis hierher gelesen hat, betrachte sich als getaggt.

Dienstag, 29. April 2008

Altered Carbon

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Richard Morgan's „Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: Altered Carbon) ist gute Urlaubslektüre. Wenn Sie einen temporeich geschriebenen, spannenden Science Fiction-Krimi lesen wollen: Kaufen Sie das Buch und lassen Sie sich unterhalten.


Zur Story: Takeshi Kovacs, Ex-Mitglied des Envoy Corps, der kolonialen Einsatztruppe der UN, wird in einen neuen Körper gesleevt. Wir befinden uns in einem unbestimmten Jahr in der Zukunft. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann sein Bewusstsein in einer Datenbank speichern und es nach seinem Tod in einen neuen Körper transferieren (sleeven) lassen. Umgekehrt kann jemand, der ein Verbrechen begangen hat, zu „Einlagerung“ verurteilt werden, d.h. zur Trennung seines Bewusstseins vom Körper und langjähriger Zwangs-Speicherung. Etwas in dieser Art ist Kovacs passiert, und er verdankt es jetzt nur einer Anforderung des reichen Laurens Bancroft, dass er wieder in einem Körper herum laufen darf. Bancroft ist der Überzeugung, dass man versucht hat, ihn zu ermorden, und erteilt Kovacs den Auftrag, den Fall zu untersuchen.


Von diesem Ansatz ausgehend entfaltet sich eine klassische Action-Krimi-Story – mit dem kleinen Unterschied, dass sie in einer Zeit spielt, in der der Tod kein Beinbruch mehr ist, sondern nur noch ein Intervall zwischen zwei Leben. Das geht so weit, dass die Hauptfigur Menschen, die sich nicht speichern und wieder erwecken lassen wollen, für Spinner hält. Die Zukunftsprojektion ist angesichts der Forschungsgelder, die in Unsterblichkeitsprojekte gesteckt werden, durchaus plausibel. Und der Autor ist geschickt genug, ein allzu genaues Eingehen auf technische Fragen zu vermeiden. Auf diese Weise kann sein Buch nicht so leicht von der technischen Entwicklung Lügen gestraft oder beiseite gewischt werden. Bleibt noch zu ergänzen, dass die Story stringent und trotz ihrer 600 Seiten ohne (für mich wahrnehmbare) Längen erzählt ist.


Für ein „Mehr als außergewöhnlich! Richard Morgan definiert die Science Fiction des neuen Jahrtausends.“ wie in der auf dem Umschlag zitierten Kritik des „Guardian“ reicht es meiner Ansicht nach allerdings nicht. Das hat vor allem mit den Entscheidungen zu tun, die Morgan in Hinblick auf die Hauptfigur Kovacs getroffen hat. Und mit der Krimi-Story.


Einen psychologisch und „Hardware“-technisch aufgebrezelten Elitesoldaten zur Hauptfigur zu machen und die Story aus seiner Perspektive zu erzählen, hat dem Autor nicht viel Freiraum gelassen, eine komplexe Geschichte zu erzählen. Darüber hinaus hat er den Helden nicht gerade zu einem Denker gemacht. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gegebenheiten um ihn herum werden zwar oberflächlich erwähnt, aber er nimmt sie als gegeben hin, ohne weiter darüber nachzudenken oder sie zu hinterfragen. Dazu bleibt ihm zum einen auch wenig Zeit, denn er wird von allen Seiten verfolgt. Zum anderen reagiert er auf das, womit er gerade konfrontiert ist, weitgehend instinktiv und ohne über langfristige Konsequenzen nachzudenken: Mit Kampf, Sex oder Flucht.


All dies ist gut für eine action-betonte Story, und diese wird vom Autor auch temporeich geschildert. Aber mit so einem Helden lässt sich wenig mehr als eine ziemlich platte Geschichte erzählen. Und genau das passiert auch. Die Auflösung des Fall ist, gelinde gesagt, enttäuschend. Ich zumindest kann mir nur schwer vorstellen, dass Dergleichen einen mächtigen und reichen Mann in der Zukunft noch unter Druck setzten würde. Darüber hinaus wird die Auflösung als Dialog zwischen der guten und der bösen Hauptfigur präsentiert, in dem noch einmal alles ganz genau erklärt wird. Der Vergleich mit klassischen Krimiautoren drängt sich hier geradezu auf.


Falls Morgan einen solchen Vergleich beabsichtigt hat, hat er sich damit allerdings ins Knie geschossen. In den Krimis z.B. von Raymond Chandler sind die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen stets Teil der Story, nicht nur Hintergrundfolie. Dass die handelnden Figuren diesen Bedingungen nicht entrinnen können und wie sie daran scheitern, sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen, macht ihre Tragik aus und verleiht den Geschichten Tiefe. Etwas Ähnliches hätte auch Morgan aus seiner Geschichte machen können, umso mehr, als die Nebenfiguren und ihre Motive in vielerlei Hinsicht an Chandler erinnern. Aber davon ist Morgan in dieser Geschichte (noch) weit entfernt.


Fazit: Gute Urlaubsleseware, viel versprechender Autor. Ich warte auf sein nächstes Buch.

Mittwoch, 12. März 2008

Das Märchen vom Penisneid

Das Märchen vom Penisneid der Frauen ist eine Gutenachtgeschichte, die von Papa Freud – dem Erfinder der Psychoanalyse – geschaffen wurde. Es ist zwar schon über hundert Jahre alt, wird aber immer wieder gern erzählt. Die Geschichte geht ungefähr so:

Ein kleines Mädchen wird geboren, und ist in den ersten Jahren mit sich und seinem Körper völlig zufrieden. Dann, eines Tages, sieht es einen Penis (lassen wir mal die Frage beiseite, warum jemand einem kleinen Mädchen seinen Penis zeigt...). Fasziniert und überzeugt davon, dass man so etwas unbedingt brauche, geht das Mädchen zunächst davon aus, dass es auch einen Penis hat. Dann aber untersucht es seinen eigenen Körper – und stellt zu seinem Schrecken fest, dass ihm der Penis fehlt. Es ist sozusagen kastriert! Von Neid zerfressen strebt das Mädchen von da an mit allen Mitteln danach, auch einen Penis zu kriegen: Es versucht Papi (oder einen anderen Mann) zu verführen, um an dessen Penis heran zu kommen. Es versucht, sich als Junge durchzumogeln. Oder es wünscht sich einen Sohn, mit dem es sozusagen den Penis, den es nicht hat, hervor bringen kann.

So weit Papa Freud. Und all die, die dieses Märchen immer wieder aufbrezeln.

Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, das ich einen Penis gesehen habe. Das war der meines kleinen Bruders, und ich war alles andere als beeindruckt. Ich weiß noch, dass ich ihn mir ziemlich genau ansah, weil meine Eltern so ein Gewese darum machten (mein Bruder hatte eine Phimose). Aber ich fand nichts besonderes an diesem Hautröhrchen und wollte dergleichen auch nicht haben. Eben so wenig fühlte ich mich kastriert. Mein Körper gefiel mir auch weiter ganz gut, wie er war. Von Neid auf einen Penis also keine Spur.

Das heißt nicht, dass ich meinen Bruder nicht beneidete. Das tat ich. Aber dabei ging es nicht um seinen Penis. Es ging vielmehr um seinen Status, um die Vorteile, die er ganz selbstverständlich hatte, und das aus keinem anderen Grund als dem, dass er männlichen Geschlechts war. Ob es nun um Spielzeug ging, um Aufmerksamkeit, Freizeit zum Spielen oder Geld für ein Studium: Alles wurde in den den Sohn gesteckt. Der Junge stand immer an erster Stelle. Ich hätte schon eine Heilige sein müssen, um ihn um all das nicht zu beneiden.

Aber ich war schon als Kind nicht so blöd, zu glauben, dass ich mir nur einen Penis „besorgen“ müsste, und dann würde alles gut und ich sozusagen zu einem Jungen ehrenhalber werden. Frauen können keine Männer ehrenhalber werden. Auch wenn sie noch so viele Männer vögeln, sich als „Jungs mit Titten“ auszugeben versuchen oder Söhne gebären: In einer patriarchalischen Gesellschaft ist ihr Verhalten irrelevant. Es zählt einzig ein unveränderliches Merkmal: Das Geschlecht. Davon jedoch – d.h. vom Penis – ist vor allem ein Geschlecht fasziniert: Männer. Oder sind es etwa Frauen, die über Penislängen, -größen, -formen und dergleichen nachdenken, spekulieren, konkurrieren? Die auf der Toilette ihren mit dem des Nebenmannes vergleichen? Und sich wegen des Ergebnisses etwas einbilden oder Komplexe bekommen? Eben. Wer leidet also unter Penisneid? Genau.

Papa Freud hat in seiner Gutenachtgeschichte von Penisneid der Frauen gewissermaßen seine eigenen Gefühle auf Frauen projiziert. Wahrscheinlich hat er sich vorgestellt, wie er sich als kleines Mädchen fühlen würde. Nur hat er sich das aus der Perspektive eines Mannes mit Penisneid und Kastrationsängsten vorzustellen versucht. Kein Wunder, dass er zu dem Ergebnis gekommen ist, Frauen fühlten sich als Frauen kastriert und wünschten sich einen Penis.

Fast noch schlimmer finde ich jedoch, was er als „Folge“ bzw. „Lösung“ dieses projizierten Penisneides darstellt. Dass kleine Mädchen sich Sex mit ihren Vätern und Surrogat-Penisse in Form von Söhnen wünschen sollen, entspricht wohl eher männlichen Wunschvorstellungen als den tatsächlichen Wünschen von Kindern. Hier werden einerseits sexuelle Wunschvorstellungen erwachsener Männer in Mädchen hinein projiziert. Andererseits wird die Tatsache, dass einem Sohn in einer patriarchalischen Gesellschaft ein höherer Wert zugesprochen wird als einer Tochter, in ein angebliches psychologisches Bedürfnis von Frauen um gedeutet. Wirklich schlau.

Dass es mit irgend einem Bestandteil dieses Grusel-Märchens tatsächlich um die Gefühle, Wünsche und (Entwicklungs-) Möglichkeiten von Mädchen geht, würde ich allerdings bezweifeln.

Montag, 10. März 2008

Kasperle-Theater in Hessen

Wunderlich, was der Mensch alles schlucken kann! Wohl zehn Minuten las ich in einer Zeitung, ließ durch das Auge den Geist eines verantwortungslosen Menschen in mich hinein, der die Worte anderer im Munde breit kaut und sie eingespeichelt, aber unverdaut wieder von sich gibt.


Nämlich hier. Ich würde das ja als neuen Tiefpunkt des Internet-Journalismus bezeichnen... wenn ich davon ausgehen könnte, dass diese Art, einen „professionellen“ Artikel zu verfassen, tatsächlich schon das Ende der Fahnenstange ist.


Nicht nur wunderlich, sondern geradezu unglaublich finde ich jedoch den Umstand, dass in Hessen immer noch Koalitions-Verhandlungen geführt werden. Was ist mit diesen Leuten los? So viele Optionen gab und gibt es doch nicht, oder? Wie kann man allen Ernstes Wochen darauf verplempern, eine zum Teil aus ehemalige SPD-Politikern bestehende Partei in einen Topf mit Kommunisten zu werfen oder die Profilneurose einer selbst erklärten „Bedenkenträgerin“ zu diskutieren? Oder darüber zu spekulieren, ob Roland Koch für eine Schwarz-Geld-Grüne Koalition seine Kandidatur um das Ministerpräsidentenamt aufgeben würde oder nicht? Wenn Roland Koch tatsächlich bereit wäre, auf eine Kandidatur zu verzichten, hätte er das in den letzten Wochen jederzeit tun können. Statt dessen hat er seine Standard-Strategie, sobald er einen (oft von ihm selbst in Gang gesetzten) Sturm im Wasserglas nicht mehr braucht, verfolgt: Schweigend alles aussitzen. Und der Erfolg gibt ihm auch diesmal recht: Seine Konkurentin um die Position des Ministerpräsidenten hat die Nerven verloren und alles hin geworfen. Ihre Wähler werden es ihr danken.



Ich finde, dass man schon allein für die Zeit und das Geld, das mit diesem Kasperle-Theater verschwendet worden ist, Neuwahlen angesetzt werden müssten. Offensichtlich hat sich ja keine der großen Parteien bzw. keiner ihrer Vertreter als verhandlungs-, geschweige denn kompromissfähig genug für eine Lösung erwiesen. Das sollte honoriert und die Entscheidung an diejenigen zurück gegeben werden, die hier laut Grundgesetz das Sagen haben: Die Wähler.


Das Zitat stammt übrigens von Hermann Hesse.

Freitag, 8. Februar 2008

The red shoes

I stand in the ring
in the dead city
and tie on the red shoes.
Everything that was calm
is mine, the watch with an ant walking,
the toes, lined up like dogs,
the stove long before it boils toads,
the parlor, white in winter, long before flies,
the doe lying down on moss, long before the bullet.
I tie on the red shoes.


They are not mine.
They are my mother's.
Her mother's before.
Handed down like an heirloom
but hidden like shameful letters.
The house and the street where they belong
are hidden and all the women, too,
are hidden.


All those girls
who wore the red shoes,
each boarded a train that would not stop.
Stations flew by like suitors and would not stop.
They all danced like trout on the hook.
They were played with.
They tore off their ears like safety pins.
Their arms fell off them and became hats.
Their heads rolled off and sang down the street.
And their feet – oh God, their feet in the market place -
their feet, those two beetles, ran for the corner
and then danced forth as if they were proud.
Surely, people exclaimed,
surely they are mechanical. Otherwise...


But the feet went on.
The feet would not stop.
They were wound up like a cobra that sees you.
They were elastic pulling itself in two.
They were islands during an earthquake.
They were ships colliding and going down.
Never mind you and me.
They could not listen.
They could not stop.
What they did was the death dance.

What they did would do them in.


Anne Sexton
eine der Besten